Qyobo: Münchner Start-up berät die Trump-Regierung bei Lieferketten
Das Münchner Daten-Start-up Qyobo zeigt Washington, wie sich Pharma-Lieferketten unabhängig von China organisieren lassen.
Dass sie eines Tages die US-Regierung beraten würden, hatten sich die Gründer von Qyobo beim Unternehmensstart 2019 wohl kaum vorgestellt. Doch das Münchner Daten-Start-up besitzt etwas, das Washington dringend braucht: tiefes Wissen über globale Pharma-Lieferketten und konkrete Strategien, um die Abhängigkeit von China zu reduzieren.
Die Ausgangslage ist ernst. Westliche Industrieländer – darunter Deutschland und die USA – beziehen wichtige Vorprodukte sowie gängige Arzneimittel wie Antibiotika, Blutdruck- und Schmerzmittel zu großen Teilen aus China. Brände oder Explosionen in chinesischen Produktionsanlagen können die Versorgung von Millionen Patienten gefährden. Viele Menschen kennen das Problem bereits aus eigener Erfahrung, wenn ihr Medikament in der Apotheke nicht verfügbar ist.
Genau hier setzt Qyobo an. Das Unternehmen mit rund zwei Dutzend Mitarbeitern wertet weltweit 300 Datenbanken über Arzneimittel aus und kauft sogar Daten von der indischen Börse, um in Echtzeit zu erkennen, wo Produktionsausfälle drohen. „Dank Qyobo gibt es endlich so etwas wie eine globale Echtzeit-Karte der Arzneimittelproduktion", sagt Bork Bretthauer, Geschäftsführer des Branchenverbandes Pro Generika. „Wer wissen will, wo welcher Wirkstoff hergestellt wird, wo Kapazitäten vorhanden sind und wo kritische Lücken klaffen, kann das jetzt nachschauen."
Treffen nahe dem Weißen Haus
Im Dezember 2025 reiste eine Delegation unter Leitung von CEO Markus Felgenhauer nach Washington. Das Treffen mit Vertretern der Trump-Regierung fand in unmittelbarer Nähe des Weißen Hauses statt. „Da sind einige von ihren Stühlen aufgesprungen, weil sie es nicht fassen konnten, dass wir in der Lage sind, die weltweiten Lieferketten der Pharmaindustrie in Gänze darzustellen", erinnert sich Felgenhauer.
Der 36-jährige Physiker gründete Qyobo gemeinsam mit seinem früheren Kommilitonen Eric Parzinger und IT-Experte Julian Ruß. Zu den Kunden zählen unter anderem der Schweizer Pharmakonzern Novartis und der Chemiekonzern BASF. Für die US-Regierung analysierte Qyobo die Lieferketten von 3.000 Medikamenten und zeigte auf, wie sich die 200 wichtigsten Präparate unabhängig von China und Indien beschaffen lassen. Die Umsetzung läuft derzeit. Beeindruckt hat Felgenhauer dabei vor allem die Geschlossenheit der Amerikaner: „In den USA ziehen Unternehmen, Kongress, Weißes Haus, Pentagon und Gesundheitsministerium an einem Strang." Acht Milliarden Dollar soll sich die US-Regierung den Aufbau resilienter Lieferketten kosten lassen.
Deutschland hinkt hinterher – trotz dramatischer Zahlen
Die Lage in Deutschland ist ähnlich kritisch. Laut Qyobo-Daten ist Deutschland bei 69 Prozent aller Medikamente von Lieferungen aus China und Indien abhängig. Bei Betablockern liegt dieser Wert bei 93 Prozent, bei Cholesterinsenkern bei 86 Prozent und bei Beta-Lactam-Antibiotika bei 61 Prozent.
Deutlich wurde diese Verwundbarkeit erstmals während der Corona-Pandemie, als Lieferbeziehungen abrupt wegbrachen. Die Würzburger Pharmakologin Ulrike Holzgrabe fand damals drastische Worte: „China braucht gar keine Atombombe – es reicht, wenn sie keine Antibiotika mehr schicken." Der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mahnte, Deutschland dürfe nicht in solchem Ausmaß von China abhängig sein. Passiert ist seitdem wenig.
Dabei wäre eine Lösung erschwinglich. Als Beispiel nennt Qyobo das Blutdruckmittel Torasemid, das rund vier Millionen deutsche Patienten einnehmen. Die Herstellung in der EU kostet laut Qyobo 780 US-Dollar pro Kilogramm, in Indien sind es 350 und in China 500 US-Dollar. Da pro Medikament nur wenige Gramm des Wirkstoffs benötigt werden, würde eine alternative Lieferkette über Kroatien, Italien, Spanien und Österreich – wo ausbaufähige Produktionskapazitäten bestehen – lediglich 50 bis 80 Cent pro Patient und Jahr mehr kosten.
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Zur AktienanalyseEine Milliarde Euro für sichere Versorgung
Für alle wichtigen Medikamente zusammen beziffert CEO Felgenhauer den Aufwand auf rund eine Milliarde Euro, um die Lieferketten in Deutschland und Europa widerstandsfähig zu machen. „Pro Medikamenten-Packung würde das nur wenige Cent ausmachen", betont er. Die Produktionskapazitäten seien vorhanden: „Es gibt über 2.000 Herstellungsstandorte in Europa – Kapazität ist nicht das Problem."
Was die Pharmaindustrie laut Felgenhauer braucht, sind keine Subventionen, sondern langfristige Planungssicherheit für neue Investitionen. Gerne würde er das auch der deutschen Politik erläutern. Doch Kontaktversuche an Bundeskanzler Friedrich Merz, Verteidigungsminister Boris Pistorius sowie die Abgeordneten Norbert Röttgen und Roderich Kiesewetter blieben bislang unbeantwortet.


