Robert Seethalers neue Novelle: Mahler-Porträt auf hoher See
„Der letzte Satz" zeigt den sterbenden Komponisten Gustav Mahler auf seiner letzten Überfahrt – poetisch, impressionistisch und berührend.

Robert Seethaler, einer der bedeutendsten Vertreter der modernen Novelle im deutschsprachigen Raum, hat mit „Der letzte Satz" ein neues literarisches Werk vorgelegt. Die Novelle porträtiert den österreichischen Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler in seinen letzten Lebenstagen – und gilt laut einer Rezension der Financial Times als weiteres Juwel des Autors.
Seethaler wurde einem breiten Publikum vor allem durch seinen Bestseller „Ein ganzes Leben" bekannt, der 2015 erschien und die entbehrungsreiche Existenz eines Mannes in einem Gebirgstal auf rund 150 Seiten verdichtete. In den zehn Jahren seither hat er drei weitere kurze, bewegende Erzählungen veröffentlicht, die schwierige Lebenslagen mit poetischen Sichtweisen verknüpfen. „Der letzte Satz" setzt diese Tradition fort.
Mahler auf dem Ozeandampfer Amerika
Die Handlung spielt im Jahr 1911. Der 50-jährige Gustav Mahler liegt infolge einer Herzerkrankung im Sterben und befindet sich auf dem Ozeandampfer Amerika, der ihn zum letzten Mal von New York nach Europa zurückbringt. In Decken gehüllt sitzt der Maestro an Deck, trinkt Tee und lässt die Höhen und Tiefen seiner emotionalen und musikalischen Reise Revue passieren. Seine Frau Alma und die junge Tochter Anna ruhen unterdessen in einer Kabine unter Deck.
Ein namenloser, „lächerlich adrett gekleideter Schiffsjunge" betreut Mahler und eilt herbei, sobald der Komponist seine Glocke läutet. Dieser einfache, elegische Rahmen ermöglicht eine fließende Erzählweise, in der die Vergangenheit in Mahlers Gedanken eindringt. Anstatt klar abgegrenzter Rückblenden sickern die Episoden in die Erzählung ein und fließen oft noch weiter zurück in eine noch frühere Zeit. Der Effekt – gefiltert durch Charlotte Collins' Übersetzung aus dem Deutschen – ist benommen und impressionistisch.
Ein schwieriger Charakter im Mittelpunkt
Seethaler zeichnet Mahler als anspruchsvollen, anbetenden, aber besitzergreifenden Mann, gezeichnet von Krankheiten und Ehrgeiz. Während er um Alma wirbt – „die Frau, für die halb Wien gerade schwärmte" – betrachtet er seine zukünftige Frau, „wie man eine Vase betrachten würde". Als Direktor der Wiener Hofoper beklagt er den provinziellen Geschmack der Einheimischen, beim Dirigieren der New Yorker Philharmoniker wettert er gegen den „Sumpf der Mittelmäßigkeit".
Alma selbst kommt zu Wort: „Ich habe genug", seufzt sie. „Deine Wutanfälle, deine Eifersucht, dein grenzenloser Egoismus. Ich habe mich in ein Kind verliebt." Diese Zitate verleihen dem Miniaturporträt eine menschliche Tiefe, die über die bloße Heldenverehrung hinausgeht.
Seethalers Kniff, einen fiktiven Außenstehenden die Kämpfe einer realen berühmten Persönlichkeit aufzeichnen zu lassen, erinnert an seinen Roman „Der Trafikant" aus dem Jahr 2016. Darin freundet sich ein Wiener Teenager am Vorabend des Anschlusses mit Sigmund Freud an – der Psychiater hat zudem einen Gastauftritt in Mahlers Erinnerungen in der neuen Novelle.
Musik in Worte gefasst
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Zur AktienanalyseDie schwierige Aufgabe, den Zauber der Musik in Worte zu fassen, bewältigt Seethaler mit großem Geschick. Mahlers Gehör leitet ihn durch seine Tage. An einem heißen Nachmittag liefert der Vogelgesang vor seiner Komponierhütte die Lösung für eine schwierige Passage in einer Sinfonie: „Der Ruf bestand aus drei einzelnen Tönen, und im Gegensatz zum Vogel selbst hatten sie nichts Heiteres oder Süßes an sich. Sie klangen gemein. Spöttisch, heiser, unzusammenhängend – aber genau richtig."
Seethaler ist ein zutiefst optimistischer Schriftsteller, der Happy Ends vermeidet. Stattdessen konzentriert er sich auf die Momente der Entzückung und des Staunens, die einem Leben Bedeutung verleihen. Dem schmerzlichen Verlust von Mahlers ältester Tochter Maria durch Diphtherie steht eine glückselige Episode im Sommer zuvor gegenüber, als Mahler mit ihr auf dem Rücken fast bis zur Mitte des Sees schwamm: „Er hätte vor Freude weinen können."
„Der letzte Satz" von Robert Seethaler, übersetzt von Charlotte Collins, ist bei Canongate für 9,99 britische Pfund sowie bei Europa Editions für 22 US-Dollar erhältlich und umfasst je nach Ausgabe 112 bis 128 Seiten.

