Russische Zentralbank: Keine Zusatzmaßnahmen trotz steigender Bargeldabhebungen
Russische Bürger heben verstärkt Bargeld ab – die Zentralbank sieht dennoch keinen Handlungsbedarf und versorgt Banken mit Liquidität.

Die russische Zentralbank hat am Freitag erklärt, dass keine zusätzlichen Maßnahmen zur Stabilisierung des Bankensystems erforderlich seien. Dies gilt trotz eines merklichen Anstiegs der Bargeldabhebungen durch russische Bürger. Beobachter führen diesen Trend auf Sorgen über Internetabschaltungen und mögliche Störungen der Zahlungssysteme zurück.
In den vergangenen Monaten haben Kunden zunehmend Bargeld abgehoben, weil sie befürchten, dass Zahlungsterminals bei zeitweiligen Online-Blackouts ausfallen könnten. Laut Behördenangaben wurden diese Internetabschaltungen vorgenommen, um die Navigation ukrainischer Drohnen zu stören. Die Zentralbank selbst ging in ihrer Stellungnahme nicht direkt auf die Abschaltungen ein.
Liquiditätsdefizit wächst auf 2 Billionen Rubel
Die Menge des außerhalb von Banken gehaltenen Bargelds ist nach Daten der Zentralbank im bisherigen Jahresverlauf im Vergleich zum Vorjahr um 17,5 Prozent auf über 19 Billionen Rubel gestiegen – umgerechnet rund 243 Milliarden US-Dollar. Dieser Anstieg setzt das Bankensystem unter erheblichen Druck, da es zur Refinanzierung auf Einlagen angewiesen ist. Ein sich ausweitendes Liquiditätsdefizit erreichte im Juni bereits 2 Billionen Rubel.
Die Zentralbank teilte Reuters mit, dass sie den Banken ausreichend Unterstützung gewähre, um das Liquiditätsdefizit zu bewältigen. „Das aktuelle Niveau des Liquiditätsdefizits erfordert keine zusätzlichen Maßnahmen. Die Bank von Russland stellt den Banken das notwendige Liquiditätsvolumen zur Verfügung, wobei auch die Nachfrage nach Bargeld berücksichtigt wird", so die Zentralbank in einer Stellungnahme.
Nach der Entscheidung, den Leitzins am 19. Juni um vorsichtige 25 Basispunkte zu senken, überstieg die Nachfrage nach Liquidität bei der Repo-Auktion der Zentralbank in dieser Woche das angebotene Volumen um mehr als ein Drittel. Das Wachstum der Bargeldnachfrage übertraf in diesem Jahr zudem das Wachstum der Bankeinlagen – diese hatten während der Phase hoher Leitzinsen eine wichtige Liquiditätsquelle für die Banken dargestellt.
Steuererhöhungen und Schattenwirtschaft befeuern Bargeldnachfrage
Alexander Wedjachin, der erste stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Sberbank, nannte gegenüber Reuters einen weiteren Treiber der Bargeldnachfrage: die zu Jahresbeginn zur Haushaltskonsolidierung eingeführten Steuererhöhungen der Regierung. Unternehmen, insbesondere Kleinbetriebe, nutzen häufig Barzahlungen, um Steuern zu umgehen. Wedjachin warnte zudem, dass der sprunghafte Anstieg der Bargeldnachfrage die über viele Jahre geförderten Bemühungen zur Entwicklung des digitalen Zahlungsverkehrs zunichtemache.
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseEinige westliche sowie russische Ökonomen weisen auf Schwachstellen im russischen Bankensystem hin. Der Anteil notleidender Kredite steigt, während sich sowohl das Wirtschaftswachstum als auch die Kreditvergabe bei anhaltend hohen Zinssätzen verlangsamen. Die Zentralbank schätzt, dass das Liquiditätsdefizit bis Ende des Jahres auf 3,6 Billionen Rubel anwachsen könnte.
Trotz dieser Risiken zeigte sich die Zentralbank in ihrem jüngsten Bericht zuversichtlich: Die Großbanken erfüllten die regulatorischen Anforderungen mit einem komfortablen Puffer. Igor Dodonow, Analyst beim Brokerhaus Finam, ergänzte: „Die Banken verfügen über genügend Vermögenswerte, die sie zur Refinanzierung bei der Zentralbank nutzen können. Zudem könnte sich die Situation umkehren, wenn sich die makroökonomischen Bedingungen verbessern und sich die Zahlungsinfrastruktur stabilisiert."


