Salzgitter-Finanzchefin: „Wir sehen noch keine große Trendwende beim Stahl"
Birgit Potrafki über EU-Schutzmaßnahmen, die HKM-Übernahme und warum das Infrastrukturpaket noch nicht in den Auftragsbüchern angekommen ist.

Die europäische Stahlindustrie kämpft weiter mit schwierigen Rahmenbedingungen. Salzgitter-Finanzchefin Birgit Potrafki gibt im Interview mit der WirtschaftsWoche eine nüchterne Einschätzung der Lage – und macht deutlich, dass von einer echten Trendwende noch keine Rede sein kann.
Der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus der EU (CBAM) zeigt laut Potrafki erste Wirkung. „Wir merken das auf jeden Fall an einem leicht verbesserten Preispunkt", sagt die Finanzchefin. Dennoch sieht sie das System noch als lückenhaft an: Durch die Umleitung CO₂-ärmerer Produkte in den EU-Markt lasse sich der Mechanismus teilweise umgehen. Auch stahlintensive Weiterverarbeitungsprodukte könnten weiterhin ohne CO₂-Kosten importiert werden. Wichtige Stahlprodukte wie Brammen fehlten zudem noch im Schutzinstrument.
Trotz dieser Schwächen bewertet Potrafki die jüngsten handelspolitischen Maßnahmen der EU insgesamt positiv. Das neue Schutzinstrument bezeichnete sie als „Paradigmenwechsel in der Handelspolitik" mit dem Ziel, industrielle Kapazitäten in Europa zu erhalten und auszubauen.
HKM-Übernahme: Finale Gespräche laufen
Ein zentrales Thema für Salzgitter ist die geplante vollständige Übernahme der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) in Duisburg von Thyssenkrupp. Laut vereinbarten Eckpunkten soll Salzgitter zum 1. Juni 2026 Alleingesellschafter der HKM werden. Ob diese Frist zu halten ist, lässt Potrafki offen: „Wir befinden uns in intensiven Verhandlungen, die mit Blick auf das Zieldatum 1. Juni sicherlich eine Herausforderung darstellen." Sie zeigte sich jedoch zuversichtlich, „dass der Prozess bald mit einer guten Entscheidung für alle Beteiligten enden wird."
Zwar hat die Wirtschaftsvereinigung Stahl gemeldet, dass die Rohstahlproduktion im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal leicht zugelegt hat – auch Thyssenkrupp hob den Wert seiner Stahlsparte deutlich an. Doch Potrafki dämpft übertriebene Erwartungen: „Wir sehen diese ganz leichte Zunahme auch. Aber wir sehen noch keine große Trendwende."
Als Begründung verweist sie auf die schwache Konjunktur. Die BIP-Prognosen seien nach unten korrigiert worden und dürften unter 0,5 Prozent liegen. „Das ist kein Wachstum im eigentlichen Sinn. Das ist eine Teilerholung dessen, was vorher erodiert ist", so die Finanzchefin.
Infrastrukturpaket noch nicht spürbar
Besonders aufschlussreich für Anleger: Das milliardenschwere Infrastrukturprogramm von Bund und Ländern ist bei Salzgitter bislang nicht angekommen. „In unseren Auftragsbüchern ist das Infrastrukturpaket noch nicht angekommen", sagt Potrafki klar. Sie erwartet erste Effekte frühestens im zweiten Halbjahr 2025 – und rechnet nicht damit, dass das Programm den Umsatz bereits 2026 spürbar beflügeln wird.
Positiv bewertet Potrafki hingegen mögliche Vorgaben zu „European Content" – also Quoten für heimische Produktion – gekoppelt mit grünen Leitmärkten. Ein solches System würde laut ihr zu Beschäftigung und Steuereinnahmen in der Region führen.
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Zur AktienanalyseEmissionshandel und Rüstungsstahl
Zur Diskussion über eine mögliche Lockerung oder Aussetzung des EU-Emissionshandels (ETS) positioniert sich Potrafki klar gegen eine solche Maßnahme – zumindest aus Sicht von Salzgitter. Als „Frontrunner" bei der grünen Transformation seien Unternehmen wie Salzgitter, die bereits Milliarden in Vorleistungen investiert haben, auf einen funktionierenden Emissionshandel angewiesen. „Unser Interesse ist es, diesen Weg konsequent weiter zu beschreiten", betont sie.
Im Bereich Rüstungsstahl – Salzgitter produziert im Werk Ilsenburg im Harz unter anderem zertifizierten Panzerstahl – sieht Potrafki ebenfalls nur ein leichtes Nachfrageanziehen. Defence bleibe eine wichtige Nische für das Unternehmen, werde aber „auf absehbare Zeit nicht das Gros des Umsatzes ausmachen".


