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Shoair Mavlian: Direktorin der ältesten Fotogalerie Europas im Porträt

Shoair Mavlian leitet seit 2023 die Photographers' Gallery in London – mit Transparenz, Diversität und einer klaren Vision für die Zukunft der Fotografie.

Shoair Mavlian: Direktorin der ältesten Fotogalerie Europas im Porträt

Shoair Mavlian ist seit 2023 Direktorin der Photographers' Gallery (TPG) in London – der ältesten Fotogalerie Europas. Als fünfte Direktorin und vierte Frau in diesem Amt übernahm sie eine Institution mit langer Geschichte und großer Verantwortung. Ihr Ziel: die TPG fit für die nächsten 50 Jahre zu machen.

Der Beginn ihrer Amtszeit war weniger glamourös als erwartet. „Ich habe viel Zeit mit wenig glanzvollen Dingen hinter den Kulissen verbracht", erzählt Mavlian. „Unser Finanzteam arbeitete noch mit Stift und Papier." Die Digitalisierung interner Prozesse stand ganz oben auf ihrer Agenda – ein nüchterner, aber notwendiger Start.

Karriere zwischen Tate und Photoworks

Mavlian bringt umfangreiche Erfahrung in die Rolle mit. Ein Jahrzehnt lang arbeitete sie bei der Tate, wo sie die Fotografiesammlung der Galerie von Grund auf aufbaute, nachdem die Abteilung 2009 gegründet worden war. Anschließend leitete sie Photoworks, eine Wohltätigkeitsorganisation, die Fotografen durch Aufträge und Preise unterstützt.

Bei Photoworks traf sie eine ungewöhnliche Entscheidung: Sie veröffentlichte die Gehälter aller Mitglieder der Organisation – einschließlich ihres eigenen. „Aus meiner Sicht ist es wirklich wichtig, dass die Kunst so offen und zugänglich wie möglich ist, und um das zu erreichen, müssen wir transparent machen, wie die Bedingungen aussehen", erklärt sie. Dieses Prinzip der Transparenz versucht sie nun auch bei der TPG umzusetzen.

Die TPG finanziert sich zu 20 Prozent aus Mitteln des Arts Council; der Rest stammt aus Fundraising. Zur Organisation gehören neben der Galerie auch ein Buchladen, ein Café und eine Galerie für Printverkäufe sowie ein kommerzieller Arm mit Präsenz auf Kunstmessen wie der Photo London. Mavlian trägt dabei sowohl die Rolle der künstlerischen Leiterin als auch die der Geschäftsführerin.

Erweitertes Kuratorenteam und neue Ausrichtung

Eine der wichtigsten strukturellen Veränderungen unter Mavlians Führung ist der Ausbau der Kuratorenabteilung. Im Jahr 2025 wurden drei neue Kuratoren eingestellt: Taous Dahmani, José Neves und Julia Bunnemann. Zuvor stammte ein Großteil des TPG-Programms von Wanderausstellungen und externen Kuratoren; nun liegt der Fokus auf der Recherche und Kuratierung von Ausstellungen im eigenen Haus.

Das Ziel dahinter ist klar: Die TPG soll eine definiertere eigene Stimme entwickeln und einen größeren Einfluss auf die Richtung der Kunstform ausüben, anstatt lediglich den Geschmack der breiteren Branche widerzuspiegeln. Mavlians Kuratorenteam bekennt sich zum Konzept der sogenannten „erweiterten Fotografie" und will „dem Medium folgen, wohin auch immer es sich entwickelt", geleitet von den Künstlern selbst.

Ein aktuelles Beispiel ist das Werk von Weronika Gęsicka, das derzeit im Rahmen des Deutsche-Börse-Preises zu sehen ist. Die Arbeit nutzt generative KI, um fiktive Enzyklopädieeinträge und erfundene Wikipedia-Seiten zu visualisieren. „Wir richten einen der wichtigsten Fotografiepreise in Europa aus, und zum ersten Mal gibt es ein Projekt, das mit KI erstellt wurde", sagt Mavlian. „Im Kern ist es ein Projekt, das hinterfragt, was KI ist und wie sie eingesetzt wird."

Balance zwischen Blockbustern und unbekannten Stimmen

Mavlian ist sich des finanziellen Drucks bewusst, der mit der Leitung einer Kulturinstitution verbunden ist. Das bedeute, „dass wir auch Blockbuster-Ausstellungen machen müssen". Entscheidungen darüber, wer und was gezeigt wird, werden sorgfältig abgewogen.

Ein Beispiel für dieses Gleichgewicht sind zwei geplante Ausstellungen im Herbst: eine des gefeierten amerikanischen Fotografen William Eggleston und eine mit weniger bekannten Farbarbeiten von Sanlé Sory, einem Fotografen aus Burkina Faso. „Eggleston ist ein Name, den die meisten Leute kennen, und er wird oft als der ‚erste' Farbfotograf angesehen", sagt Mavlian. „Aber vielleicht war er der erste Farbfotograf, weil er in den USA lebte und seine Umgebung ihm dies ermöglichte. William Eggleston ist großartig – aber es wird noch besser, wenn man ihn neben jemandem zeigt, den wir zuvor noch nicht gesehen haben."

Auch das aktuelle Programm spiegelt diese Haltung wider: Der Deutsche-Börse-Preis besteht in diesem Jahr zum ersten Mal in seiner 30-jährigen Geschichte ausschließlich aus Frauen und nicht-binären Künstlern. Parallel läuft die Ausstellung „We Others" mit Fotografien von Donna Gottschalk über das queere Leben im New York der 1960er Jahre. Die nächste geplante Ausstellung trägt den Titel „Japanese Women Photographers".

Fotografie als Spiegel der Gesellschaft

Mavlian sieht ihre Rolle auch als reparativ. Die Geschichte der Fotografie sei bisher lückenhaft und zugunsten von Machtstrukturen gewichtet gewesen. Werke von Frauen, von LGBT+-Gemeinschaften, von Menschen aus dem globalen Süden – die schon immer geschaffen, aber seltener gezeigt wurden – sollen ihren Platz finden.

Gleichzeitig betont sie, dass Kultureinrichtungen nicht losgelöst von der Gesellschaft existieren. Wenn Künstler herausfordernde oder ideologische Werke schaffen, sei es nicht das Ziel, diese zu zensieren, sondern ihnen einen Platz an den Wänden zu geben, damit sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann. So bleiben Institutionen „kulturell relevant" – etwas, das ihr sehr am Herzen liegt.

Das Medium Fotografie wird im Jahr 2039 sein 200-jähriges Jubiläum feiern. „Die Geschichte des Mediums im schriftlichen Sinne ist wirklich kurz und sehr auf Europa und Nordamerika fokussiert", sagt Mavlian. „Meine übergeordnete Vision ist, dass bis zum Jahr 2039 die Arbeit, die wir geleistet haben, diese Geschichte ergänzt haben werden."

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