Straße von Hormus: Warum die Ölmärkte überraschend widerstandsfähig bleiben
Trotz massiver Störungen in der Straße von Hormus reagiert die Weltwirtschaft gedämpft – dank gestiegener Effizienz und flexibler Handelsströme.

Die wiederholten Sperrungen der Straße von Hormus haben die Ölmärkte erschüttert – doch die erwarteten wirtschaftlichen Verwerfungen blieben bislang aus. Inflationsraten sind nicht eskaliert, Wachstumsprognosen blieben relativ moderat, und die Volatilität an den Finanzmärkten hat ihren Ursprung offenbar woanders. Warum reagiert die Weltwirtschaft so verhalten auf einen der größten Ölversorgungsschocks seit Jahrzehnten?
Die Antwort liefert Bassam Fattouh, außerordentlicher Senior Research Scholar am Center on Global Energy Policy der Columbia University und Mitglied des Beirats von Crystol Energy: Der integrierte moderne Ölmarkt kann Schocks viel besser absorbieren, als allgemein angenommen wird. Zudem ist Öl für die Weltwirtschaft zu einer deutlich geringeren Belastung geworden als noch vor einigen Jahrzehnten.
Günstige Ausgangslage dämpfte den Preisschock
Die jüngste Krise traf zu einem vergleichsweise günstigen Zeitpunkt ein. Die weltweite Ölproduktion überstieg den Verbrauch, und die Lagerbestände – einschließlich der strategischen Reserven Chinas sowie auf Tankern gelagertem, nicht registriertem Öl – waren massiv. Eine schnelle Verschiebung der globalen Handelsströme, darunter die verstärkte Nutzung von Pipelines zur Umgehung der Meerenge, half dabei, die Preisauswirkungen des anfänglichen Schocks abzumildern.
Hinzu kamen weitere Reaktionen auf der Angebotsseite: schrittweise Produktionssteigerungen an anderer Stelle, neue Pipelinekapazitäten und eine Neukonfiguration der weltweiten Raffinerie- und Verarbeitungskapazitäten. Diese Ausweichmanöver halten bis heute an und stützen die Versorgungssicherheit der globalen Märkte.
Dennoch erforderte eine Störung solchen Ausmaßes auch eine Reaktion auf der Nachfrageseite. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) sank die Nachfrage im zweiten Quartal dieses Jahres um fast 5 Millionen Barrel pro Tag – das entspricht rund 5 Prozent des gesamten weltweiten Ölverbrauchs. Dieser Rückgang wurde jedoch nicht durch eine stagnierende Wirtschaftstätigkeit ausgelöst, sondern stellt eher eine Verbesserung der Effizienz dar, mit der Öl zur Herstellung von Waren und Dienstleistungen eingesetzt wird.
Ölintensität: Das entscheidende Maß der Effizienz
Der Schlüsselbegriff in dieser Analyse ist die sogenannte Ölintensität – sie misst das Verhältnis zwischen Ölverbrauch und BIP in Barrel pro US-Dollar und gilt als umfassendstes Maß für die Produktivität der Ölnutzung. Historisch gesehen hat sie sich seit den Turbulenzen auf dem Ölmarkt in den 1970er Jahren immens und stetig verbessert.
Diese Verbesserung hat weitreichende Konsequenzen: Preiserhöhungen müssten heute viel höher ausfallen, um dieselben schädlichen wirtschaftlichen Auswirkungen zu erzeugen wie früher. So müssten die heutigen Ölpreise, bereinigt um Inflation und Effizienzgewinne, etwa viermal so hoch sein, um den Schock nach der iranischen Revolution von 1979 widerzuspiegeln. Das ist ein enormer Puffer – und ein wesentlicher Grund, warum die Wirtschaft nicht stärker auf die Preisänderungen im Zuge der Kriege in der Ukraine und im Iran reagiert hat.
Die Kombination tatsächlicher Daten für das erste Halbjahr 2026 mit BIP- und Ölnachfrageprognosen für das zweite Halbjahr – von der Weltbank und der IEA – verdeutlicht das Ausmaß dieser Effizienzgewinne: Das erwartete BIP in diesem Jahr wird 3,6 Millionen Barrel Öl pro Tag weniger benötigen, als wenn die Ölintensität gegenüber 2025 unverändert geblieben wäre.
Verbleibende Lücke und die Grenzen der Resilienz
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Zur AktienanalyseDennoch ist nicht alles positiv. Legt man die Leckagen zugrunde, die während des Höhepunkts der militärischen Aktionen in der Straße von Hormus noch bestanden, und berücksichtigt man neu konfigurierte Pipelinerouten, Angebotssteigerungen außerhalb der Golfregion sowie nachhaltige Lagerentnahmen, ergibt sich für den Rest dieses Jahres eine Versorgungslücke von irgendwo zwischen 5 und 7 Millionen Barrel pro Tag.
Die bereits realisierten Effizienzgewinne lassen diese Lücke auf etwa 1,5 bis 3,5 Millionen Barrel pro Tag schrumpfen. Dieses Volumen muss entweder durch eine geringere Nachfrage oder durch höhere Exporte durch die Meerenge – oder beides – gedeckt werden, um das aktuelle Defizit auszugleichen. Das lässt zudem viel Raum für Volatilität, einschließlich der aktuellen Wechselspiele von Krieg und Verhandlungen.
Die verringerte Ölintensität ist allerdings auch auf die Eliminierung sogenannter „einfacher" Barrel aus dem System zurückzuführen – also Öl, das verschwendet wurde oder leicht ersetzbar war. Die verbleibenden Barrel tragen mit größerer Wahrscheinlichkeit die eigentliche wirtschaftliche Last. Sollten die Preise in kritische Bereiche eskalieren, könnten die Schäden verheerend sein – nicht mehr gemessen als Kaufkraftverlust, sondern an den Kosten beeinträchtigter wirtschaftlicher Aktivitäten.
Die bisher gedämpften Folgen könnten sich als zweischneidiges Schwert erweisen: Sie könnten künftig zu einer größeren Risikobereitschaft bei politischen Akteuren ermutigen. Die Gefahr besteht darin, dass eine Wirtschaft, die weniger anfällig für Ölpreisrisiken ist, die Politik dazu verleitet, rücksichtsloser zu werden – und das System an seine neuen Grenzen zu treiben.


