Südafrika: Neue App warnt vor Luftverschmutzung in Johannesburg
Wissenschaftler der Universität Witwatersrand entwickeln Südafrikas erste Luftqualitäts-App – inmitten massiver Kohleemissionen und gesundheitlicher Beschwerden.

Wissenschaftler der University of the Witwatersrand haben Südafrikas erste App zur Warnung vor Luftverschmutzung entwickelt. Der Hintergrund ist alarmierend: In den vergangenen Wochen stiegen die Kohleemissionen in Johannesburg massiv an und verursachten bei zahlreichen Bewohnern Atembeschwerden sowie andere gesundheitliche Probleme. Die App soll noch im Laufe dieses Jahres auf den Markt kommen.
Afrikas wohlhabendste Stadt liegt unweit der Kohleminen des Landes. Ein an faule Eier erinnernder Schwefelgeruch liegt häufig in der Luft. Umweltminister Willie Aucamp führte den Gestank auf Schwefelwasserstoffemissionen aus Bergbau- und Industriebetrieben zurück, die bis zu 400 Kilometer östlich von Johannesburg liegen. „Dieser (schwefelhaltige Geruch) stammte von Minen, die ihre Emissionsgrenzwerte überschritten haben", sagte Aucamp gegenüber Reuters. „Wir wissen noch nicht, um welche Minen es sich konkret handelt. Die Untersuchungen dauern noch an."
Wie die neue App funktioniert
Die Anwendung trägt den Namen SACAQM – South African Consortium of Air Quality Monitoring – und nutzt Daten von Hunderten von Luftüberwachungssystemen. Sie versendet Benachrichtigungen und berät Bewohner über Schutzmaßnahmen wie das Tragen einer Maske bei erhöhter Schadstoffbelastung. Allerdings helfen Masken laut den Entwicklern nur gegen Smog und Ruß, nicht jedoch gegen Gase wie Schwefelverbindungen.
Bruce Mellado, einer der Forscher hinter der App, erklärte, das System habe bereits eine zunehmende Häufigkeit von Verschmutzungsspitzen registriert. Die Entwicklung der App ist damit eine direkte Reaktion auf eine sich verschärfende Umweltsituation, die für viele Stadtbewohner spürbare Folgen hat.
Bewohner leiden unter gesundheitlichen Folgen
Die Auswirkungen der schlechten Luftqualität sind für viele Johannesburger bereits Alltag. Der Asthmapatient Philasande Shange berichtete gegenüber Reuters, er habe im Februar und März einen Husten entwickelt, den ein Arzt auf die schlechte Luftqualität zurückführte. „Ich konnte weder atmen noch schlafen und habe 15 kg abgenommen", sagte Shange in einem Interview in Braamfontein. Reuters befragte insgesamt fünf Anwohner, die über grippeähnliche Symptome, Schwindel, Nebenhöhlenentzündungen und Asthmaanfälle berichteten.
Die Kohleindustrie spielt in Südafrika eine zentrale wirtschaftliche Rolle: Sie beschäftigt Zehntausende von Menschen, liefert drei Viertel des südafrikanischen Stroms und ein Viertel der flüssigen Kraftstoffe, die vom Energiekonzern Sasol aus Kohle gewonnen werden. Diese wirtschaftliche Bedeutung macht eine strenge Regulierung politisch heikel.
Emissionsausnahmen für Sasol und Eskom
Den beiden größten Emittenten Südafrikas – dem Energiekonzern Sasol und dem staatlichen Stromversorger Eskom – wurden für das Jahr 2025 Verlängerungen ihrer Ausnahmegenehmigungen für Emissionen gewährt. Ihre größten Anlagen befinden sich östlich von Johannesburg, also in unmittelbarer Nähe zur betroffenen Metropole.
Sasol-Sprecher Alex Anderson erklärte in einer schriftlichen Stellungnahme, dass „keine betrieblichen Zwischenfälle oder abnormalen Prozessbedingungen identifiziert wurden, die auf eine unkontrollierte oder atypische Freisetzung" von Schwefelemissionen hindeuten würden. Eskom reagierte nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.
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Zur AktienanalyseAktivisten fordern stärkere Überwachung
Die Behörden rechtfertigen die lockere Durchsetzung der Luftqualitätsstandards mit der Notwendigkeit, ökologische und wirtschaftliche Erfordernisse abzuwägen. Umweltaktivisten widersprechen dieser Sichtweise entschieden. „Wir brauchen mehr gemeinschaftliche Überwachung, um zu verstehen, wie viel uns die Luftverschmutzung tatsächlich kostet", sagte Rico Euripidou, Kampagnenkoordinator bei der Umweltorganisation GroundWork. Aktivisten betonen, dass die wirtschaftlichen Kosten verschmutzungsbedingter Krankheiten in der offiziellen Abwägung systematisch unterschätzt werden.
Für deutsche Anleger, die in südafrikanische Bergbau- oder Energieunternehmen investiert sind, verdeutlicht der Fall die wachsenden regulatorischen und gesellschaftlichen Risiken, die mit dem Kohlesektor verbunden sind – auch in Schwellenländern.


