Therapien für Europa oft nur schwer verfügbar
Warum lebensrettende Medikamente in den USA schneller zugänglich sind

Viele lebenswichtige Therapien, die in den USA bereits verfügbar sind, bleiben in Europa und speziell in Deutschland unzugänglich. So hätte die Patientin Tanja Kästner ohne das Medikament Belzutifan vermutlich ihr Augenlicht verloren. Kästner leidet seit 30 Jahren am Von-Hippel-Lindau-Syndrom, einer seltenen, erblichen Erkrankung, die Tumore in verschiedenen Organen verursacht. Nachdem zahlreiche Operationen scheiterten, konnte das in Deutschland nicht zugelassene Medikament ihr Augenlicht retten. Doch der Zugang zu solchen Behandlungen bleibt für viele Patienten in Europa schwierig.
Ein Grund für diese Diskrepanz liegt in der unterschiedlichen Marktsituation zwischen den USA und Europa. Während in den USA mehr als 100 neue Medikamente innerhalb der letzten neun Jahre zugelassen wurden, fehlen diese in Deutschland häufig. Pharmaunternehmen entscheiden sich oft bewusst gegen eine Markteinführung in Europa. Die deutschen Erstattungsregelungen und die Nutzenbewertung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) gelten als innovationshemmend. So zog beispielsweise Boehringer Ingelheim das Medikament Spevigo gegen Schuppenflechte zurück, nachdem es keinen anerkannten Zusatznutzen attestiert bekam.
Der Zugang zu neuen Medikamenten ist zudem häufig mit erheblichen Verzögerungen verbunden. Laut der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) dauert es bis zu drei Jahre länger, bis Medikamente in Europa zugelassen werden, verglichen mit den USA. Gründe dafür sind nicht nur die komplexen Zulassungsverfahren, sondern auch die höheren finanziellen Anreize in den USA. Dort können Pharmaunternehmen bis zu 344 Prozent höhere Preise erzielen, was die Einführung neuer Therapien attraktiver macht.
Auch Alzheimer-Patienten in Europa spüren die Auswirkungen dieser Unterschiede. In den USA sind bereits zwei Medikamente verfügbar, während in Europa Lecanemab erst Mitte November eine Zulassungsempfehlung erhielt. Bis das Präparat tatsächlich auf dem deutschen Markt erhältlich ist, könnte es bis Mitte 2025 dauern. Dies ist besonders problematisch, da das Medikament nur im frühen Stadium der Krankheit wirksam ist.
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Zur AktienanalyseEinzelne Unternehmen wie everyone.org versuchen, Versorgungslücken zu schließen, indem sie nicht zugelassene Medikamente im Rahmen individueller Heilversuche bereitstellen. Diese Option bleibt jedoch begrenzt und oft mit hohen Kosten verbunden. Für Patienten wie Tanja Kästner, deren Monatsdosis Belzutifan über 30.000 Euro kostet, ist dies ohne Unterstützung kaum finanzierbar. Die europäischen Institutionen erkennen den dringenden Bedarf an neuen Behandlungsoptionen, doch bis zur Verfügbarkeit bleibt für viele Betroffene nur der mühsame Weg über Ausnahmeregelungen oder hohe finanzielle Belastungen.

