USA und China: Führungsanspruch ohne globale Verantwortung übernehmen
Beim Trump-Xi-Gipfel zeigte sich: Beide Supermächte beanspruchen globale Macht, scheuen aber die damit verbundenen Pflichten.

Der jüngste Gipfel zwischen US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatschef Xi Jinping hat wichtige Signale über die bilateralen Beziehungen und die relative Stellung beider Länder auf der Weltbühne ausgesandt. Trotz der symbolischen Bedeutung des Treffens entpuppte es sich laut Analysten als kaum mehr als eine risikoarme Abfolge von Fototerminen, bei denen jede Seite weitgehend die eigene Erzählung pflegte. Dennoch offenbart das Treffen tiefgreifende Dynamiken im globalen Machtgefüge.
Im Vorfeld hatten viele Beobachter Xi Jinping als klaren Gewinner des Gipfels erwartet. Trump schien übermäßig auf ein Abkommen erpicht zu sein, das seinen sinkenden Umfragewerten im Inland und dem wachsenden Widerstand im Ausland entgegenwirken könnte. Sein einschüchterndes Auftreten und militärischer Abenteurertum haben die Soft Power der USA weltweit geschwächt. Xi hingegen strahlte Geduld und Zuversicht aus und präsentierte China als stabilisierende Kraft im globalen Handels- und Sicherheitssystem.
Washingtons harte China-Politik bleibt institutionalisiert
Doch diese Interpretation verkennt eine tiefere Realität: Die Kernarchitektur der US-Politik gegenüber China bleibt hochgradig kompetitiv. Zölle, Exportkontrollen und Investitionsbeschränkungen genießen in Washington parteiübergreifende Unterstützung. Die Industriepolitik, einst in den USA umstritten, ist zum zentralen Element wirtschaftlicher Sicherheit und technologischen Wettbewerbs geworden.
Diese strategische Kontinuität zeigt sich auch im Widerspruch zwischen Gipfeldiplomatie und Regierungshandeln: Während Trump dem Treffen mit Xi Priorität einräumte, verhängte seine Regierung gleichzeitig neue Wirtschaftssanktionen gegen chinesische Unternehmen. In Schlüsselsektoren wie Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Biotechnologie, Quantencomputing und kritische Mineralien verfolgt Washington das Ziel der Dominanz – nicht der Verständigung.
Der Wettbewerb mit China prägt auch die US-Sicherheitsstrategie grundlegend. Die National Security Strategy 2025 identifiziert den asiatisch-pazifischen Raum als zentralen Schauplatz geopolitischen Wettbewerbs und betont die Zusammenarbeit mit Verbündeten zur militärischen Abschreckung Chinas – auch mit Blick auf Taiwan. Darüber hinaus engagiert sich die US-Regierung in einer breiteren Kampagne, um chinesischen Einfluss auf globale Hafeninfrastruktur zu verringern, Pekings Ambitionen in der Arktis einzuschränken und chinesische Unternehmen von kritischer digitaler Infrastruktur auszuschließen.
China erntet internationales Misstrauen
Auch Pekings eigene Politik ruft tiefes internationales Misstrauen hervor. Die Unterstützung für Russlands Krieg gegen die Ukraine sowie das aggressive militärische Auftreten im Ost- und Südchinesischen Meer schüren Sicherheitsbedenken in Europa und Asien. Hinzu kommt wachsender Gegenwind gegen Chinas Wirtschaftspolitik weltweit.
Laut dem deutschen Forschungsinstitut MERICS leiteten Anfang 2026 bereits 52 der 70 größten Volkswirtschaften der Welt neue handelspolitische Schutzmaßnahmen oder Untersuchungen gegen China ein. Diese Zahl verdeutlicht das Ausmaß des globalen Misstrauens gegenüber Pekings Wirtschaftspraktiken – und ist für deutsche Unternehmen und Anleger besonders relevant, da Deutschland selbst zu den größten Handelspartnern Chinas zählt.
China ist zudem nicht bereit, das von den USA hinterlassene Vakuum in der internationalen Führung wirklich auszufüllen. Sein Budget für Auslandshilfe bleibt ein Bruchteil dessen, was die USA historisch bereitgestellt haben. Peking fordert Dialog und Stabilität in Krisenzeiten, übernimmt jedoch nicht die Kosten und Verantwortung echter Führung. Internationale Normen werden weiterhin missachtet, wenn sie chinesischen Interessen zuwiderlaufen.
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Zur AktienanalyseZwei Supermächte ohne Verantwortungsbewusstsein
Die zentrale Schlussfolgerung lautet: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Verlust amerikanischer Glaubwürdigkeit und Chinas erfolgreicher Übernahme dieser Führungsrolle. Die Welt steht heute vor zwei Supermächten, die die Rechte globaler Führung beanspruchen, ohne die damit verbundenen Pflichten zu übernehmen.
Für die meisten anderen Länder – darunter auch Deutschland und die EU – scheint die Antwort auf diese Wahl „keine der genannten Optionen" zu lauten. Dies stellt Europa vor die Herausforderung, eine eigenständigere Rolle in der Weltpolitik zu definieren, während die beiden größten Volkswirtschaften der Welt ihren strategischen Wettbewerb auf Kosten multilateraler Stabilität austragen.


