Varta vor dem Aus: Liquiditätskrise bedroht deutschen Batteriehersteller
Bis Ende Juli 2026 droht Varta die Zerschlagung – wenn keine neue Finanzierung gesichert wird.

Der traditionsreiche deutsche Batteriehersteller Varta steht vor einer existenziellen Krise. Ohne neue Finanzierung droht dem Unternehmen bis Ende Juli 2026 die Zerschlagung. Die Lage verdeutlicht, wie fragil selbst einstige Vorzeigeunternehmen der deutschen Industrie sein können – und wirft gleichzeitig grundlegende Fragen über Eigentümerstrukturen und Fremdkapital auf.
Varta war einst ein Symbol deutscher Ingenieurskunst und wichtiger Zulieferer für Apples AirPods. Nach einem gescheiterten Restrukturierungsversuch und dem Verlust bedeutender Aufträge kämpft das Unternehmen nun ums Überleben. Interne Dokumente zeigen: Hohe Schulden und das Verfehlen von Wachstumszielen im Energiespeichergeschäft haben die finanzielle Lage massiv verschärft.
Das Management setzt seine Hoffnungen auf eine vielversprechende Natrium-Ionen-Batterietechnologie. Diese Innovation könnte potenziell 2.000 Arbeitsplätze in Deutschland schaffen. Für den Aufbau einer geplanten 10-Gigawatt-Produktionsanlage – möglicherweise am ehemaligen Opel-Standort in Kaiserslautern – benötigt Varta jedoch schätzungsweise zwei Milliarden Euro Kapital.
Zerschlagung statt Rettung?
Die Großaktionäre Porsche und Michael Tojner zeigen offenbar keine Bereitschaft, weiteres Kapital einzuschießen. Eine sogenannte „Instructing Group" aus Gläubigern – bestehend aus der Deutschen Bank, Blantyre, BlueBay und Whitebox – erwägt Berichten zufolge eine Zerschlagung des Unternehmens.
Finanzanalysen deuten darauf hin, dass eine Aufspaltung für vorrangige Gläubiger profitabler sein könnte als eine vollständige Rettung. Die Sparte „Consumer", die Haushaltsbatterien produziert, wird auf rund 240 Millionen Euro bewertet – mit einem langfristigen Potenzial von geschätzten 390 Millionen Euro. Tojner soll vorgeschlagen haben, die „Non-Consumer"-Sparte für einen symbolischen Euro zu übernehmen und das Verbrauchergeschäft den Gläubigern zu überlassen.
Zusätzliche Komplexität bringt das Interesse der Schweizer Firma Allswiss AG unter Führung von Pino Sergio. Das Unternehmen hat angeboten, die Gläubiger auszukaufen, um Varta zu retten. Die Bankenbranche begegnet dem Angebot jedoch mit Skepsis – unter Verweis auf frühere geschäftliche Misserfolge Sergios und die unkonventionelle Natur seines Vorschlags. Interne Kommunikationslücken innerhalb der Gläubigergruppe haben die Bedenken hinsichtlich der Transparenz des Rettungsprozesses weiter verstärkt. Bemerkenswert: Allein in der Distressed-Phase haben Berater bereits 43 Millionen Euro an Honoraren eingestrichen.
Chinesische Investoren in Deutschland: Ein differenziertes Bild
Vartas Krise ereignet sich vor dem Hintergrund einer breiteren Debatte über ausländische Beteiligungen an deutschen Technologieunternehmen. Eine aktuelle Analyse des ARD-Magazins „Plusminus" von fast 50 deutschen Unternehmen, die von chinesischen Investoren übernommen wurden, zeichnet ein differenzierteres Bild als die oft polarisierte „Ausverkauf"-Debatte vermuten lässt.
Die Daten zeigen: Im Durchschnitt stiegen die Umsätze dieser Unternehmen fünf Jahre nach der Übernahme um 6 Prozent, während die Beschäftigungszahlen stabil blieben. Mehr als 50 Prozent der befragten Firmen berichteten von einem gegenseitigen Wissenstransfer und profitieren demnach auch von chinesischer Expertise. Ökonomen wie Martin Gornig vom DIW ordnen diese Ergebnisse als konsistent mit allgemeinen Wirtschaftstrends ein – nicht als alleinige Folge ausländischer Eigentümerschaft.
Als warnendes Beispiel gilt der Automobilzulieferer Kiekert. Trotz stabiler Betriebsabläufe unter chinesischer Eigentümerschaft geriet Kiekert in die Insolvenz, als zugesagte Mittel ausblieben und geopolitische Spannungen – konkret US-Sanktionen gegen das chinesische Mutterunternehmen – dazu führten, dass deutsche Banken Kredite und staatliche Garantien verweigerten.
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Zur AktienanalyseGeopolitik als neues Unternehmensrisiko
Der Fall Kiekert markiert eine entscheidende Verschiebung in der Debatte: Die zentrale Sorge gilt nicht mehr allein der Nationalität des Investors, sondern der Anfälligkeit deutscher Tochtergesellschaften gegenüber internationalen Sanktionen und geopolitischen Abhängigkeiten. Dieses Risiko ist schwer kalkulierbar und kann selbst stabile Unternehmen in kürzester Zeit in existenzielle Bedrängnis bringen.
Der Kontrast zwischen Vartas interner Krise und den Daten zu ausländischen Investitionen ist deutlich. Varta steht exemplarisch für die Risiken einer starken Abhängigkeit von einem einzigen Großkunden wie Apple und die Schwierigkeit, unter Schuldendruck auf neue Technologien umzuschwenken. Die Analyse der „Plusminus"-Studie hingegen legt nahe, dass ausländisches Kapital durchaus stabilisierend wirken kann – sofern das Mutterunternehmen nicht in geopolitische Konflikte verwickelt ist.
Mit Blick auf die Juli-Deadline bleibt Varta ein Testfall: Können deutsche Industrieikonen den Übergang zu neuen Energietechnologien ohne eine klare, einheitliche Strategie von Gläubigern und Aktionären überstehen? Die Skepsis gegenüber potenziellen Investoren wie Allswiss AG spiegelt eine systemische Vorsicht im deutschen Finanzsektor wider – wo die Angst vor „schlechtem" Kapital zunehmend gegen die Angst abgewogen wird, kritische Technologiekompetenzen an den globalen Markt zu verlieren.


