Versicherer gehen höhere Risiken ein als vor der Finanzkrise 2008
Ratingagentur A. M. Best warnt: Anlageportfolios von Rentenversicherern sind riskanter als 2007 – mit weniger finanziellem Puffer.

Die Versicherungsbranche steht vor einer ernsten Warnung: Laut einem aktuellen Bericht der Ratingagentur A. M. Best halten Versicherer, die Rentenversicherungen (Annuities) anbieten, heute mehr risikoreiche Schuldtitel in ihren Anlageportfolios als im Jahr 2007 – dem Jahr vor dem schwersten Wirtschaftsabschwung seit der Weltwirtschaftskrise. Gleichzeitig verfügen diese Portfolios über ein geringeres finanzielles Polster als damals.
„Wir stehen deutlich schlechter da", warnte Erik Miller, Senior Director bei A. M. Best. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Ansprüche nicht ausgezahlt werden können, ist schlichtweg höher." Die Aussage trifft eine Branche, die die Finanzkrise 2008–09 noch vergleichsweise gut überstanden hatte – und legt nahe, dass die nächste große Krise deutlich gefährlicher werden könnte.
Riskantere Portfolios, weniger Puffer
Für ihren Bericht verglich A. M. Best die Anlageportfolios des Jahres 2024 – dem aktuellsten Jahr mit verfügbaren Daten – mit einer Momentaufnahme eines ähnlichen Portfoliouniversums aus dem Jahr 2007. Die Studie konzentrierte sich dabei speziell auf die Rücklagen, die Versicherer für Auszahlungen auf Rentenversicherungen bilden. Diese Sparprodukte versprechen Kunden ein garantiertes Einkommen im Ruhestand und sind damit ein zentrales Element der privaten Altersvorsorge.
Neben dem erhöhten Risikogehalt der Portfolios stellte A. M. Best fest, dass die Annuity-Portfolios im Jahr 2024 mehr Anlagen enthielten, die von Unternehmen veräußert wurden, mit denen die Versicherer in einer geschäftlichen Beziehung standen – etwa durch einen gemeinsamen Unternehmenseigentümer. Diese sogenannten Affiliated Investments gelten als potenziell problematisch, da sie Interessenkonflikte begünstigen können.
Private Credit als Wachstumstreiber mit Risiken
Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist der Boom im Bereich Private Credit. Lebens- und Rentenversicherer haben Private-Credit-Investments im Wert von rund einer Billion US-Dollar erworben. Diese Anlageklasse verspricht Investoren, die bereit sind, auf Liquidität zu verzichten, überdurchschnittlich hohe Renditen.
Vorangetrieben wurde dieser Trend maßgeblich von großen Private-Asset-Gesellschaften wie Apollo Global Management und KKR. Diese Firmen haben Versicherungsunternehmen übernommen und erhebliche Mengen an privaten Schuldtiteln in deren Bilanzen übertragen. Das Modell ist für beide Seiten zunächst attraktiv: Die Investmentfirmen verdienen Gebühren für die Verwaltung der Versicherungskonten, während die Versicherer höhere Erträge erzielen können – und diese Renditen teilweise an ihre Versicherungsnehmer weitergeben.
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Zur AktienanalyseDoch das Modell birgt erhebliche Risiken. Private-Credit-Anlagen sind in der Regel illiquide und schwerer zu bewerten als börsengehandelte Wertpapiere. Falls die zugrunde liegenden Kredite notleidend werden – etwa in einer Rezession oder bei steigenden Ausfallraten –, könnten Versicherer in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, ihre Verpflichtungen gegenüber den Versicherungsnehmern zu erfüllen.
Relevanz für deutsche Anleger
Für deutsche Privatanleger ist diese Entwicklung aus mehreren Gründen relevant. Zum einen sind internationale Versicherungskonzerne auch auf dem deutschen Markt aktiv. Zum anderen zeigt der Trend, dass das globale Finanzsystem durch die Verflechtung von Private-Equity-Firmen und Versicherern neue Risikokonzentrationen aufgebaut hat, die im Falle einer Krise schwer abzuschätzen sind. Die Warnung von A. M. Best sollte als Signal verstanden werden, die Solidität des eigenen Versicherungsanbieters kritisch zu hinterfragen.


