Vintage-Secondhand-Läden in London leiden unter organisiertem Ladendiebstahl
Boomende Second-Hand-Mode zieht zunehmend organisierte Kriminelle an – mit verheerenden Folgen für unabhängige Vintage-Händler in London.

Der Secondhand-Modemarkt boomt wie nie zuvor. Bis zum Jahr 2026 wird laut Untersuchungen von OC&C Strategy Consultants über ein Viertel aller Modetransaktionen im Vereinigten Königreich auf Second-Hand-Ware entfallen. Der Wiederverkaufssektor stellt einen wirtschaftlichen Wert von 7 Milliarden Britischen Pfund dar. Doch dieser Erfolg hat eine Schattenseite: Vintage-Händler werden zunehmend Opfer organisierter Kriminalität.
Besonders betroffen sind Händler auf der berühmten Portobello Road in London. Verkäufer berichteten gegenüber BBC London, wie eine wachsende Welle von Ladendiebstählen ihre Existenzgrundlage bedroht. „Die Leute wollen nicht den Chanel-Laden oder das Gucci-Geschäft ausrauben. Das Geld steckt jetzt in den Vintage-Stücken", erklärt Charlotte Cohu, Geschäftsführerin von Lovers Lane Ltd.
Brutaler Ram-Raid mit 400.000 Pfund Schaden
Das Geschäft Lovers Lane London, das Charlotte Cohu und ihre Mutter Kimberley 2021 gründeten, ist auf sogenannte „Archivstücke" von Top-Modehäusern wie Gucci, Chanel und Givenchy spezialisiert. In den letzten drei Jahren war das unabhängige Vintage-Geschäft Ziel einer Reihe von zunehmend gewalttätigen Einbrüchen. Den traurigen Höhepunkt bildete im vergangenen Oktober ein sogenannter „Ram-Raid"-Angriff: Drei Männer auf Motorrädern fuhren mitten in der Nacht gegen die stahlverstärkte Tür des Ladens und brachen anschließend ein zwei Tonnen schweres Rolltor mit Feuerwehrausrüstung und Vorschlaghämmern auf.
Die Täter stahlen Taschen und Kleidung im Wert von Tausenden Pfund. Die Zerstörung war so gravierend, dass Charlotte und Kimberley das Geschäft für mehr als einen Monat schließen mussten. Der Gesamtschaden belief sich auf 400.000 Britische Pfund. „Das sind nicht nur Gelegenheitsdiebe", sagt Kimberley. „Hier handelt es sich um organisierte Kriminalität."
Auch Khalid Ainsworth, der bereits im Alter von 15 Jahren mit dem Verkauf von Vintage-Kleidung begann und auf dem Markt an der Portobello Road unter freiem Himmel arbeitet, kennt das Problem. Ohne schützende Mauern zwischen sich und potenziellen Dieben ist jedes gestohlene Stück ein spürbarer Verlust. „Es ist noch nicht lange her, da habe ich eine Jeans im Wert von 300 Britischen Pfund verloren", sagt Khalid. „Das war schmerzhaft. Aber so ist das Leben; man muss weitermachen."
Rekordhohe Ladendiebstähle durch organisierte Banden
Die Lage ist kein lokales Phänomen. Laut dem britischen Office for National Statistics erreichten Ladendiebstähle im Jahr 2025 ein Rekordhoch. Experten bringen diesen Anstieg mit der zunehmenden Beteiligung organisierter Kriminalität in Verbindung. Andrew Goodacre, Hauptgeschäftsführer der British Independent Retail Association, beschreibt die Methoden der Täter: „Sie sind wie eine kleine Armee professioneller Ladendiebe, die in bar – oder wahrscheinlicher in Drogen – bezahlt werden und im Auftrag organisierter Krimineller auf Bestellung stehlen." Dabei rekrutieren die Banden laut Goodacre gezielt schutzbedürftige Menschen mit Suchtproblemen.
Goodacre warnt zudem, dass die Nutzung von Second-Hand-Handels-Apps durch Kriminelle „Gefahr läuft, ihren Markt zu schädigen". Kleinere Online-Verkäufer tragen demnach eine Mitverantwortung, auf Diebesgut zu achten, das aus High-End-Vintage-Geschäften stammen könnte. Für den deutschen Markt ist diese Entwicklung ebenfalls relevant: Plattformen wie Vinted oder Depop sind auch hierzulande weit verbreitet und könnten als Absatzwege für gestohlene Ware dienen.
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Angesichts der ausgeklügelten Bedrohung haben Kimberley und Charlotte ihre Sicherheitsvorkehrungen deutlich verstärkt. „Wir sind wie Fort Knox", scherzt Kimberley. Doch mindestens ebenso wichtig für das Überleben von Lovers Lane war die Unterstützung der eng vernetzten Händlergemeinschaft der Portobello Road. „Die Welle der Freundlichkeit und Unterstützung – das war das Beste an der Menschheit", sagt Kimberley.
Der Fall zeigt exemplarisch, wie der Boom der Secondhand-Mode ein neues Ziel für organisierte Kriminalität geschaffen hat. Was als nachhaltige und erschwingliche Alternative zur Fast Fashion begann, steht nun vor einer ernsthaften Bedrohung durch professionelle Diebstahlnetzwerke – mit potenziell weitreichenden Folgen für unabhängige Händler weltweit.

