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Whitechapel Gallery holt Ökonomin Mazzucato: Kultur als Investition

Die Londoner Whitechapel Gallery ernennt Starökonomin Mariana Mazzucato zur ersten „Economist-in-Residence" – ein Novum für die Kreativwirtschaft.

Whitechapel Gallery holt Ökonomin Mazzucato: Kultur als Investition

Die Whitechapel Gallery in London geht einen ungewöhnlichen Weg: Die renommierte Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato wurde als erste „Economist-in-Residence" einer Kunstgalerie berufen. Ihr Auftrag ist es, die Messung kulturellen Wertes grundlegend neu zu überdenken. Der Schritt kommt zu einem schwierigen Zeitpunkt für den gesamten Kultursektor.

Das geschäftliche Umfeld für Kunstgalerien in Großbritannien ist derzeit angespannt. Steigende Kosten, sinkende Besucherzahlen und gekürzte Mittel des Arts Council England belasten die Whitechapel Gallery ebenso wie viele andere Kulturinstitutionen. Das Ergebnis: ein wachsendes Defizit, das strukturelle Antworten erfordert.

Kultur als strategische Investition – nicht als Kostenfaktor

Mazzucato vertritt eine klare These: Regierungen behandeln Kultur fälschlicherweise als Kostenfaktor, anstatt sie als strategische Investition mit gesellschaftlichem Nutzen zu begreifen. Dieses Denkmuster, so die Ökonomin, führt zu chronischer Unterfinanzierung des Kultursektors. Dabei könnten kulturelle Aktivitäten nachweislich Inklusion, Wohlbefinden und langfristigen wirtschaftlichen Wert fördern.

Die Gemeinschaftsinitiativen der Whitechapel Gallery spiegeln diesen Ansatz bereits wider. Das zentrale Problem bleibt jedoch die Messbarkeit: Es fehlen anerkannte Methoden, um den gesellschaftlichen Mehrwert solcher Programme überzeugend zu belegen und gegenüber Geldgebern zu kommunizieren. Ohne belastbare Daten bleibt die Argumentation für höhere öffentliche Investitionen schwach.

Der Fall der Whitechapel Gallery wirft grundlegende Fragen auf, die weit über eine einzelne Institution hinausgehen. Der gesamte Kultursektor steht vor der Herausforderung, seinen Wert jenseits klassischer Kennzahlen wie Umsatz, Gewinn und Besucherzahlen zu definieren und zu kommunizieren. Kunstgalerien, Museen und andere Kreativeinrichtungen konkurrieren dabei nicht nur untereinander, sondern auch um öffentliche Mittel mit anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Vergleich mit großen Kulturinstitutionen

Im Wettbewerb mit Schwergewichten wie der National Gallery, der Tate Modern oder dem Victoria and Albert Museum (V&A) muss die Whitechapel Gallery ihren spezifischen gesellschaftlichen Beitrag klar herausarbeiten. Ranjit Thind, Dozent an der Central Saint Martins der University of the Arts London, stellt dabei eine provokante Frage: Hätte die Galerie statt einer Ökonomin vielleicht besser einen etablierten Marketingexperten einstellen sollen?

Diese Debatte ist auch für den deutschen Markt relevant. Hierzulande stehen öffentlich geförderte Kultureinrichtungen vor ähnlichen Herausforderungen: Rechtfertigungsdruck gegenüber der Politik, sinkende Besucherzahlen nach der Pandemie und ein zunehmend kompetitives Freizeitangebot. Die Frage, wie kultureller Wert gemessen und kommuniziert werden kann, beschäftigt Kulturpolitiker und Institutionen diesseits des Ärmelkanals ebenso.

Der Sektor benötigt laut Experten eine stärkere Interessenvertretung, bessere Methoden zur Wertmessung und eine geschlossenere Führung, um höhere öffentliche Investitionen zu sichern. Ob eine Ökonomin – und nicht etwa eine Marketingfachkraft oder ein Kulturmanager – die richtige Antwort auf diese Herausforderungen ist, bleibt offen. Das Experiment der Whitechapel Gallery dürfte die Branche aufmerksam verfolgen.

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