Wiener Alterlaa: Vorbild für Labours neue Planstädte in Großbritannien
Während Labour 1,5 Millionen neue Wohnungen plant, zeigt Wiens Sozialwohnungsprojekt Alterlaa, wie bezahlbares Wohnen mit Lebensqualität gelingt.

Großbritannien steht vor dem ehrgeizigsten Wohnungsbauprogramm seit Jahrzehnten. Die Labour-Partei hat das Ziel von 1,5 Millionen neuen Wohnungen bekräftigt und sieben Standorte für neue Planstädte benannt – von Yorkshire bis Gloucestershire. Jede dieser Städte soll mindestens 10.000 Menschen beherbergen. Doch ein fast 50 Jahre altes Wiener Projekt könnte als entscheidendes Vorbild dienen.
Die öffentliche Konsultation zum „New Towns Draft Programme" endet am 19. Mai. Wohnungsbauminister Steve Reed hatte das Programm mit einer roten Kappe im MAGA-Stil mit dem Slogan „build baby build" angekündigt. Doch die Frage bleibt: Wird in diesen neuen Städten tatsächlich jemand wohnen wollen?
Alterlaa: Wohnen wie die Reichen – für alle
Mitte der 1980er-Jahre wurde 6 Meilen südwestlich des Wiener Stadtzentrums eine Siedlung fertiggestellt, die auf dem Papier Labours Ambitionen perfekt verkörpert. Alterlaa wurde 1972 vom Architekten Harry Glück konzipiert – mit der Hoffnung, ein Viertel zu schaffen, in dem jeder, unabhängig vom Einkommen, „Wohnen wie die Reichen" erleben kann. Das Ergebnis: rund 10.000 Bewohner in einer 60 Acre großen Parklandschaft mit Gemeinschaftsgärten, Schulen, Geschäften und zahlreichen Schwimmbädern. Derzeit gibt es eine Warteliste von fünf Jahren.
Die Siedlung ist in drei monumentalen Wohnachsen organisiert, die mit Einrichtungen wie Kindergärten, Zahnärzten und einer Kirche durchsetzt sind. Im Süden befinden sich ein Einkaufszentrum und eine eigene U-Bahn-Station, während die Nordseite an den Fluss Liesing grenzt. Die Wohnblöcke erreichen eine Höhe von bis zu 85 Metern. Tiefe Pflanztröge ermöglichen es den Bewohnern, auf großzügigen Balkonen Sträucher und kleine Bäume zu ziehen, was die klippenartigen Fassaden mit einem grünen Schleier abmildert.
Sieben der 14 von Glück entworfenen Schwimmbäder befinden sich auf dem Dach und bieten Panoramablick bis zu den nordöstlichen Gipfeln der Alpen. In speziellen Gemeinschaftsräumen sind rund 30 von Bewohnern geführte Clubs untergebracht – von Modellflugzeug-, Schach- und Bridge-Gruppen bis hin zu Schießsport und einem Dojo. Es gibt Badmintonplätze, Fußballfelder, 20 Saunen und sogar ein kleines Museum, das Freddy Quinn gewidmet ist, Österreichs Antwort auf Frank Sinatra.
Keine Autos, keine Lärmbelästigung
Besonders auffällig ist das Fehlen von Autos im Wohnbereich. Fahrzeuge werden in Alterlaa unterirdisch geparkt, sodass die begrünten Gemeinschaftsgärten für Menschen und Tiere frei bleiben. Bewohner berichten, dass man trotz der Nähe zu einer vielbefahrenen Schnellstraße dank der erhöhten Lage keine Lärmbelästigung wahrnimmt – stattdessen Vogelgezwitscher und spielende Kinder. Bewohner Darian Boskan erzählt, dass er bei nassem Wetter mit dem Skateboard durch die riesige Tiefgarage zur nahe gelegenen U-Bahn-Station fährt, um dem Regen zu entgehen.
Die Miete beträgt lediglich rund 10 britische Pfund pro Quadratmeter und Monat – ein Fünftel der durchschnittlichen Londoner Preise. Pool-Zugang und Heizung sind dabei inbegriffen. Boskan ist einer von vielen Bewohnern, die im Dokumentarfilm „27 Storeys" der österreichischen Regisseurin Bianca Gleissinger aus dem Jahr 2023 zu sehen sind.
Das Wirtschaftsmodell als entscheidende Lektion
Das Finanzierungsmodell von Alterlaa ist möglicherweise die wichtigste Lektion für britische Minister. Als die Siedlung fertiggestellt wurde, wurden die 3.200 Wohnungen nicht privat verkauft. Das Eigentum verblieb stattdessen bei einer öffentlich unterstützten, gemeinnützigen Vereinigung. Die Bewohner werden Anteilseigner dieser Vereinigung und mieten ihre Wohnungen. Mit einem sicheren, stabilen Einkommen kann die Vereinigung größere Bauarbeiten Jahrzehnte im Voraus planen und beschäftigt rund 50 Mitarbeiter für Gartenpflege, Klempnerarbeiten, Sicherheit und Instandhaltung.
Defekte Aufzüge und Lecks werden umgehend repariert, die Blumenbeete sind gepflegt, Kinder gehen zu Fuß in den Kindergarten. Trotz des futuristischen Aussehens ist die Demografie von Alterlaa relativ alt: Fünf Jahrzehnte nach ihrem Einzug wollen viele der ursprünglichen Mieter nicht mehr weg.
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Zur AktienanalyseSkepsis gegenüber Labours Plänen
Ob Labours neue Städte eine ähnliche Begeisterung auslösen können, ist fraglich. Ein Großteil des zeitgenössischen Massenwohnungsbaus wurde unter anderem wegen schlechter CO2-Bilanz, mangelhafter handwerklicher Ausführung und mittelmäßigen Designs kritisiert. Laut Professor Yolande Barnes, Vorsitzende des Bartlett Real Estate Institute am UCL, zeigen Untersuchungen, dass die meisten Hausbesitzer lieber in Bestandsimmobilien als in Neubauten leben würden.
Bürgerinitiativen lehnen neue Siedlungen mit geringer Bebauungsdichte häufig ab. Labours ursprüngliche Liste enthielt 12 mögliche Standorte – einer in Cheshire wurde nach Protesten im Februar zurückgestellt. Im April berichteten die Manchester Evening News, dass lokale Abgeordnete den Stadtrat drängten, einen Vorschlag für 1.500 neue Häuser im North Leigh Park aufgrund unzureichender Infrastruktur abzulehnen.
Die entscheidende Frage lautet: Können Labours neue Städte, wenn sie den sechs großen Immobilienentwicklern überlassen werden, die derzeit mehr als die Hälfte der neuen Häuser im Vereinigten Königreich bauen, eine solche Begeisterung in der Öffentlichkeit auslösen – oder gar eine fünfjährige Warteliste? Das Wiener Modell Alterlaa zeigt zumindest, was möglich ist, wenn Gemeinwohl vor Rendite steht.


