Yen unter Druck: Takaichis Wahlversprechen gefährden Japans Finanzen
Japans Währung steht vor einer Vertrauenskrise. Trotz möglicher Interventionen aus Tokio und Washington droht dem Yen ein historischer Absturz auf 180 Dollar – erstmals seit 1986.

Der japanische Yen befindet sich in einer gefährlichen Abwärtsspirale, die selbst koordinierte Interventionen der Notenbanken möglicherweise nicht aufhalten können. Weniger als zwei Wochen vor der vorgezogenen Parlamentswahl signalisieren japanische Behörden erstmals seit Juli 2024 die Bereitschaft zum Markteingriff. Doch Experten warnen: Die eigentliche Gefahr liegt in der Fiskalpolitik.
Wahlversprechen mit hohem Preis
Premierministerin Sanae Takaichi setzt im Wahlkampf auf expansive Konjunkturmaßnahmen. Besonders brisant: Sie und ihre politischen Gegner versprechen die Aussetzung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel. Dies würde dem Staatshaushalt jährlich rund 5 Billionen Yen (etwa 32,36 Milliarden US-Dollar) entziehen – ohne dass eine Gegenfinanzierung aufgezeigt wird. Bei einer ohnehin rekordhohen Staatsverschuldung von 230 Prozent des Bruttoinlandsprodukts alarmiert dies die Finanzmärkte.
"Die meisten Investoren vertrauen Japans fiskalischer Kontrolle nicht", erklärt Toshinobu Chiba, Fondsmanager bei Simplex Asset Management in Tokio. "Es ist eine Frage der Staatskreditwürdigkeit." Die Märkte reagieren bereits: Während die Renditen japanischer Staatsanleihen Rekordhochs erreichen, fällt der Yen weiter – ein ungewöhnliches Phänomen, da höhere Anleiherenditen normalerweise eine Währung stützen.
Interventionssignale am Devisenmarkt
Am vergangenen Freitag erlebte der Yen dramatische Schwankungen. Von rund 159,20 Dollar schoss die Währung plötzlich auf bis zu 153,30 Dollar hoch – ein klares Zeichen für Kursprüfungen durch die Bank of Japan und die Federal Reserve Bank of New York. Aktuell notiert der Yen bei 154,75 Dollar. Marktteilnehmer erwarten, dass ein Niveau über 160 Yen pro Dollar eine erste Interventionsrunde auslösen wird.
Die Bereitschaft Washingtons zur Zusammenarbeit ist bemerkenswert, denn koordinierte Interventionen sind selten. Japans oberster Währungsdiplomat Atsushi Mimura betont die enge Abstimmung mit den US-Kollegen und verspricht "angemessene" Reaktionen. Doch historische Erfahrungen dämpfen die Erwartungen.
Begrenzte Wirkung von Interventionen
2024 gab Tokio bereits beispiellose 15,3 Billionen Yen für Deviseninterventionen aus. Der Erfolg war überschaubar: Nach einer Intervention Ende April erreichte der Yen weniger als zwei Monate später neue Tiefststände. Interventionen gelten generell als Mittel zur Verlangsamung von Währungsbewegungen, nicht aber zur Trendumkehr – besonders wenn fundamentale Treiber wie Fiskalängste vorliegen.
Chris Scicluna, Forschungsleiter bei Daiwa Capital Markets Europe, sieht die Politik als Haupthindernis: "Die Wahlen verdeutlichen die Risiken für Japans öffentliche Finanzen und stehen positiven Faktoren wie der Rückkehr der Inflation und vernünftigem Wirtschaftswachstum im Weg." Die seit 2014 durchgeführten Steuererhöhungen waren zwar unpopulär, trugen aber wesentlich zur Konsolidierung der Staatsfinanzen bei.
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Zur AktienanalyseDroht ein historischer Yen-Absturz?
Sollte Takaichi die Wahl deutlich gewinnen und ihre Konjunkturpläne ausweiten, befürchtet Fondsmanager Chiba einen Yen-Kurs von bis zu 180 Dollar – ein Niveau, das zuletzt 1986 erreicht wurde. Ein solcher "Sell Japan"-Markt würde verschiedene Anlageklassen erfassen. Bereits letzte Woche erlebten japanische Aktien ihren stärksten Ausverkauf seit drei Monaten, während der Yen gegenüber Euro und Schweizer Franken neue Tiefststände markierte.
Die zentrale Herausforderung: Eine zweijährige Aussetzung der Lebensmittelsteuer könnte politisch kaum rückgängig zu machen sein. Entscheidungsträger fürchten, dass populistische Wahlversprechen die mühsam erreichte fiskalische Stabilität gefährden. Für Takaichi wird es entscheidend sein, das Vertrauen der Märkte zu bewahren – eine Aufgabe, die angesichts der aktuellen Turbulenzen immer schwieriger wird.


