Zigaretten feiern Comeback: Warum Rauchen wieder als cool gilt
Von Laufstegen bis Musikvideos: Zigaretten kehren in Popkultur und Mode zurück – mit überraschenden gesellschaftlichen Hintergründen.

Beyoncé, Sean Penn, Charli XCX und der US-Rapper Nettspend haben laut dem Instagram-Kanal „Cigfluencers" eines gemeinsam: Sie alle gelten als Vorbilder einer neuen Raucherkultur, die sich durch Popkultur, Mode und soziale Medien zieht. Jared Oviatt, der 27-jährige Gründer des Kanals, startete das Projekt 2021 mit Archivfotos rauchender Models und Schauspieler. Heute zählt sein Account mehr als 500 Bilder und 100.000 Follower.
„Es ist schwer, einen Cigfluencer zu definieren", sagt Oviatt, dessen Feed Bilder von Carrie Coon, Stellan Skarsgård und Renate Reinsve enthält. „Aber sie müssen das Rauchen auf eine nicht-performative Weise lieben. Man erkennt den Unterschied." Diese Haltung wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen: Nach Jahrzehnten intensiver Gesundheitskampagnen wurden Zigaretten Anfang der 2000er Jahre weitgehend von Bildschirmen und aus Magazinen verbannt.
Zigaretten auf dem Laufsteg und im Mainstream-TV
Nun kehren sie zurück – und zwar sichtbar. Bei der SS27-Show von Willy Chavarria steckten Packungen von „Willy Smokes" in den Hosenbünden der Models. Madonna und Charli XCX wurden rauchend in der ersten Reihe bei der YSL-SS27-Show gesichtet. In den Musikvideos der Popstars Phoebe Bridgers und Gracie Abrams tauchten Zigaretten auf. Auch Serien wie „Hacks", „Industry" und „Tuner" sowie der Kinofilm „Materialists" zeigen, dass Zigaretten den Sprung zurück ins Mainstream-Unterhaltungsgeschäft geschafft haben.
Sarah Milov, Sozialhistorikerin und Autorin von „The Cigarette: A Political History", sieht in dem Trend mehrere Ursachen. „Der schmuddelige Look der Gleichgültigkeit, den eine Zigarette vermittelt, hat einen gewissen Reiz", sagt sie. Als einen der treibenden Faktoren nennt Milov die „Sehnsucht nach analogen Erlebnissen wie Vinyl und Büchern" – ein kulturelles Phänomen, das sich auch im Aufstieg schicker Raucherutensilien widerspiegelt: Balenciaga verkauft Parfümflakons in gefälschten Zigarettenschachteln, die Marke M.ph bietet „Ciggie"-Lippenbalsame an, und Designerfeuerzeuge von Paul Smith sowie der Pariser Boutique Merci erfreuen sich wachsender Beliebtheit.
Oviatt selbst sieht eine Verbindung zwischen dem Rauchen und der sogenannten „Little-Treat-Culture" – dem modernen Phänomen, sich mit kleinen, erschwinglichen Luxusgütern zu belohnen. In einer Welt, die von Wellness-Regimes, Clean Eating und Selbstoptimierung geprägt ist, kann das Anzünden einer Zigarette wie ein einfacher Akt der Rebellion wirken. Als Beleg nennt er den „Brat Summer" – Charli XCXs hedonistische Bewegung des Jahres 2024 –, der zu mehr Foto-Einsendungen bei „Cigfluencers" führte als je zuvor.
Gesundheitsexperten warnen vor verharmlosender Darstellung
Dr. Allan M. Brandt, Historiker für öffentliche Gesundheit an der Harvard University, sieht den Trend mit großer Skepsis. „Tabakunternehmen haben jahrelang versucht, neue Wege zur Vermarktung ihrer Produkte zu finden", warnt er, „und langsam beginnt es zu wirken." Brandt verweist auf Herzkrankheiten, Lungenkrebs und Erblindung als direkte Folgen des Rauchens. Weltweit sterben jährlich mehr als 8 Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums – mindestens jeder zweite Langzeitraucher stirbt an seiner Gewohnheit.
Brandt sieht hinter dem Comeback auch eine soziale Dimension: „Menschen, insbesondere junge Menschen, sind einsam." Es gebe eine besondere Kameradschaft beim Teilen einer Zigarette vor einem Club, Pub oder einer Fashion-Week-Party. „Menschen brauchen Verbindung, selbst wenn diese auf dem Weg aus einer Bar entsteht."
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Zur AktienanalyseViral in New York: 2.000 Menschen rauchen gemeinsam im Park
Ein Beispiel für diese soziale Kraft lieferte Bob Terry im Jahr 2025. Der 75-Jährige ging viral, als er in New York Flugblätter verteilte, in denen er Fremde einlud, eine Zigarette mit ihm zu rauchen. Ein Foto seiner Einladung erreichte mehr als 38 Millionen Aufrufe auf X. Rund 2.000 Menschen strömten daraufhin in den Washington Square Park, um gemeinsam mit ihm zu rauchen. „Ich konnte es nicht glauben – es war wundervoll", sagt Terry, der seit seinem 15. Lebensjahr raucht. „Die meisten Leute dort waren in ihren 20ern und 30ern – alle hatten eine gute Zeit."
Terry, der nach eigenen Angaben trotz 60 Jahren Rauchen kaum gesundheitliche Probleme hat, gibt dennoch eine klare Empfehlung: „Wenn Sie nicht rauchen, fangen Sie nicht damit an. Wenn Sie derzeit rauchen und die Willenskraft haben, hören Sie auf." Für alle anderen fügt er hinzu: „Wenn Sie das Rauchen einfach lieben und es Ihnen Freude bereitet, zünden Sie sich eine an."


