China kann Konsum mit Lohnnebenkosten-Senkung stark ankurbeln
Ein IWF-Ökonom erklärt, warum sinkende Lohnnebenkosten Chinas Handelsüberschuss wirksamer bekämpfen als Zölle.

Chinas Handelsüberschuss sorgt weltweit für Spannungen – und hat laut einem Experten der Universität Hongkong einen überraschend starken Start ins Jahr 2026 hingelegt. Der Autor, Professor of Practice an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Hongkong und ehemaliger Leiter der China-Abteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF), argumentiert: Der Überschuss ist kein Zeichen unlauterer Handelspraktiken, sondern Ausdruck schwacher Inlandsnachfrage. Die Lösung liegt daher nicht in Zöllen, sondern in einer drastischen Senkung der Lohnnebenkosten.
Chinas Leistungsbilanzüberschuss erreichte 2007, kurz nach dem WTO-Beitritt, mit fast 10 Prozent des BIP seinen historischen Höchststand. Bis 2018 schrumpfte er auf nur noch 0,2 Prozent des BIP – ein deutlicher Rückgang. Doch seitdem hat er sich erholt und lag 2025 bei 3,7 Prozent des BIP. Da sich die chinesische Wirtschaft seit 2007 mehr als verdoppelt hat, konkurriert der Überschuss gemessen am Anteil am globalen BIP nun wieder mit seinem früheren Rekordniveau.
Immobilienkrise als Treiber des Überschusses
Als Hauptursache für den erneuten Anstieg identifiziert der Experte die Immobilienkrise, die China seit 2021 erfasst hat. Die Immobilieninvestitionen brachen massiv ein – ein Schock, der in den meisten Ländern eine ausgewachsene Wirtschaftskrise ausgelöst hätte. China wich diesem Schicksal teilweise aus, indem es stärker auf Auslandsnachfrage setzte. Der private Konsum sei dabei nicht der Schuldige: Sowohl Konsum als auch Einkommen hätten sich angesichts der doppelten Belastung durch Pandemie und Immobilienkollaps bemerkenswert stabil gehalten.
Dennoch bleibt ein stärkerer Inlandskonsum das beste Gegenmittel. Der Experte betont, dass China mehr von seiner eigenen Produktion sowie mehr ausländische Erzeugnisse aufnehmen müsse. Ein moderateres Wachstumsziel, das mit Produktivitätstrends und einer schrumpfenden Erwerbsbevölkerung vereinbar ist, würde ebenfalls helfen, den Überschuss zu verringern.
China hat in den vergangenen Jahren durchaus Maßnahmen ergriffen: Die Regierung weitete den Krankenversicherungsschutz massiv aus, stärkte das Rentensystem und verbesserte den Zugang der Haushalte zu Finanzierungen. Seit dem Jahr 2000 erzielte China das schnellste Pro-Kopf-Konsumwachstum aller großen Volkswirtschaften. Allerdings hat ein noch schnelleres BIP-Wachstum den Anteil des Konsums am BIP gleichzeitig nach unten gedrückt.
Lohnnebenkosten auf europäischem Niveau – ein leicht erreichbares Ziel
Der Kern des Reformvorschlags liegt bei den Lohnnebenkosten. China erhebt Lohnsteuern und Sozialabgaben auf europäischem Niveau, was eine Lücke von rund 38 Prozent zwischen den Kosten für die Beschäftigung eines Arbeitnehmers und seinem Nettoeinkommen schafft. Diese Abgaben sind zudem stark regressiv, da sie auf Einkommen bis zu einer Obergrenze des Dreifachen des Durchschnittslohns erhoben werden. Im Jahr 2024 machten die Lohnnebenkosten 6,5 Prozent des BIP aus – gegenüber lediglich 1,1 Prozent bei der Einkommensteuer.
Eine drastische, dauerhafte Senkung dieser Abgaben hätte laut dem Experten gleich mehrere positive Effekte:
- Arbeitnehmer hätten mehr Nettoeinkommen zur Verfügung, besonders Geringverdiener mit hoher Konsumneigung
- Niedrigere Arbeitskosten würden die Beschäftigung erhöhen
- Stärkere Anreize zur Teilnahme am Sozialversicherungssystem würden Schwarzarbeit reduzieren
Allerdings gibt es auch Hürden: Das chinesische Rentensystem steht vor einer erheblichen langfristigen Finanzierungslücke, da die prognostizierten Auszahlungen die prognostizierten Einnahmen übersteigen. Dies lässt die Regierung zögern, die Beitragssätze weiter zu senken. Der Arbeitgeberbeitrag zur Rentenversicherung wurde zwar 2019 dauerhaft gesenkt, und einige Beitragssätze wurden während der Pandemie vorübergehend reduziert – eine umfassende Reform steht jedoch bislang nicht auf der Agenda.
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Zur AktienanalyseKonsum stärken statt Einnahmenmix optimieren
Der Experte räumt ein, dass eine Senkung der Lohnnebenkosten kein Allheilmittel ist. Einnahmeausfälle würden Chinas Rentenfinanzierungslücke verschlechtern. Langfristig wäre eine Erhöhung der Mehrwertsteuer effizienter als die heutige starke Abhängigkeit von Lohnnebenkosten. Doch die dringendste Priorität sei die Ankurbelung des Konsums – nicht die Optimierung des Einnahmenmixes.
Die Rhetorik der „Zwei Tagungen" im März sowie des bevorstehenden 15. Fünfjahresplans stimmt den Experten vorsichtig optimistisch. Das explizite Ziel, den Anteil des privaten Konsums am BIP schrittweise zu erhöhen, sei ermutigend. Doch das Ausmaß der Herausforderung erfordere mutigeres Handeln. Mehr Geld in den Taschen chinesischer Arbeiter würde sich letztlich in höheren Ausgaben, einem höheren Lebensstandard und – für die Weltwirtschaft entscheidend – einem geringeren Handelsüberschuss niederschlagen.


