Indien mobilisiert 40 Milliarden Dollar aus der Diaspora für die Rupie
Indiens Zentralbank meldet überraschend starke Zuflüsse aus dem Ausland – zur Stabilisierung der schwächelnden Landeswährung.

Indien hat seit Juni 2025 rund 40,8 Milliarden US-Dollar von im Ausland lebenden Staatsbürgern eingesammelt. Das gab die Reserve Bank of India (RBI) am Wochenende bekannt. Die Zuflüsse übertreffen die Erwartungen der Ökonomen deutlich und kommen zu einem kritischen Zeitpunkt: Die Rupie hat in diesem Jahr gegenüber dem US-Dollar bereits 6 Prozent an Wert verloren und gehört damit zu den schwächsten Währungen Asiens.
Das Programm läuft seit Juni, nachdem die RBI eine gezielte Kampagne angekündigt hatte, um Devisen von der indischen Diaspora anzulocken. Finanzministerin Nirmala Sitharaman hatte im vergangenen Monat die staatlichen Banken des Landes ausdrücklich gedrängt, ihre Bemühungen um die im Ausland lebenden Inder zu intensivieren. Die Kreditinstitute bieten seither Vorzugszinsen auf Spareinlagen sowie Hebelwirkungen auf Einlagen an – manche Banken ermöglichen dabei eine Hebelung bis zum 19-fachen der ursprünglichen Einlage.
„Das ist viel höher, als wir erwartet hatten", sagte Madan Sabnavis, Chefökonom der Bank of Baroda. Er schätzt, dass der Gesamtbetrag bis September „in Richtung" 60 Milliarden US-Dollar steigen könnte – was fast 10 Prozent der aktuellen indischen Währungsreserven entspräche.
Hintergrund: Seltenes Instrument in Krisenzeiten
Die Mobilisierung von Diaspora-Kapital ist für Indien kein völlig neues Instrument, wird aber nur in wirtschaftlich kritischen Momenten eingesetzt. Seit 1990 wurde dieses Mittel erst fünfmal genutzt. Das erste Mal war 1991, als Indien seine schwerste Zahlungsbilanzkrise erlebte – ein Ereignis, das die Regierung letztlich zur Öffnung der bis dahin stark regulierten Wirtschaft zwang. Zuletzt griff die RBI 2013 auf dieses Instrument zurück und mobilisierte damals rund 34 Milliarden US-Dollar, um Kapitalabflüsse infolge des sogenannten „Taper Tantrum" – der Marktreaktion auf die angekündigte Drosselung der US-Notenbank-Anleihekäufe – abzufedern.
Der aktuelle Druck auf die Rupie hat mehrere Ursachen. Als bedeutender Importeur von Öl aus der Golfregion leidet Indien unter einem starken Anstieg der Energiekosten, der auf den Krieg im Iran zurückzuführen ist. Zudem steuert das bevölkerungsreichste Land der Welt auf das dritte Geschäftsjahr in Folge mit einem Defizit in der Zahlungsbilanz zu. Die Regierung hat die Kraftstoffpreise für Endverbraucher angehoben, was die jährliche Inflation im Juni auf ein 18-Monats-Hoch von 4,4 Prozent trieb.
Programm läuft über FCNR-Einlagen und Swap-Fazilitäten
Ein Großteil der Zuflüsse erfolgte über das Programm für Fremdwährungseinlagen von Nicht-Ansässigen (FCNR) der RBI, das bis Ende September läuft. Das Programm übernimmt die Absicherungskosten, sodass die Banken den im Ausland lebenden Indern attraktivere Zinssätze anbieten können. Etwas mehr als 4 Milliarden US-Dollar wurden zusätzlich über Swap-Fazilitäten für externe kommerzielle Kreditaufnahmen und Devisenaufnahmen mobilisiert, die bis Ende 2026 offenstehen.
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Zur AktienanalyseSonal Varma, Chefökonomin für Indien und Asien (exklusive Japan) bei Nomura, führt den Erfolg des Programms auch auf das Wachstum der indischen Diaspora zurück. Diese ist seit 2013 um 70 Prozent auf nunmehr 37 Millionen Menschen angewachsen. Indien verfüge damit über einen deutlich größeren Vermögenspool als noch vor einem Jahrzehnt.
Die starken Zuflüsse verschaffen RBI-Gouverneur Sanjay Malhotra vor der geldpolitischen Entscheidung am Mittwoch mehr Handlungsspielraum. Die meisten Ökonomen erwarten dennoch, dass die Zentralbank die Zinssätze unverändert lassen wird – trotz der gestiegenen Inflation.


