KI und Private Equity revolutionieren die Unternehmensberatung grundlegend
Automatisierung, neue Konkurrenten und veränderte Kundenwünsche setzen die großen Beratungsfirmen unter massiven Druck.

Die Unternehmensberatung steht vor einem fundamentalen Wandel. Künstliche Intelligenz automatisiert Kernaufgaben wie Recherche, Datenzusammenfassung und die Erstellung von Präsentationen – Tätigkeiten, die bislang das Herzstück des Beratungsgeschäfts bildeten. Gleichzeitig drängen neue, von Private Equity finanzierte Start-ups in den Markt und fordern die etablierten Platzhirsche heraus.
Ein ehemaliger Senior Advisory Partner bei Deloitte, der heute eine neue Beratungsfirma mit Private-Equity-Backing gründet, beschreibt die Wirkung der Technologie prägnant: KI senke die „Eintrittsbarrieren" der Branche erheblich. „Ihre Plattform hat vielleicht 20 Mitarbeiter, aber mit dem Verstärkungsfaktor der KI sind Sie plötzlich sehr schnell bei 100 oder 150 Leuten", sagt er. „Das hat sehr schnell eine Delle im Markt hinterlassen." Sein erklärtes Ziel ist es, Teams aufzubauen, die zu 20 Prozent aus Menschen und zu 80 Prozent aus KI-Agenten bestehen.
Diese Entwicklung trifft auf ein stark gestiegenes Interesse von Private-Equity-Investoren an professionellen Dienstleistungsunternehmen. Ein ehemaliger Manager der Big Four, der die Reaktion seines Unternehmens auf die erste Generation großer Sprachmodelle mitbeaufsichtigte, spricht von einem „massiven Wendepunkt" für die gesamte Branche. Fiona Czerniawska, Geschäftsführerin von Source Global Research, fügt hinzu: Wenn man sich ändernde Kundenanforderungen und sinkende Budgets hinzunehme, „ist das ein berüchtigter perfekter Sturm".
Technologieriesen als neue Konkurrenten
Neben Start-ups drängen auch große Technologieunternehmen in das Beratungsgeschäft. OpenAI und Anthropic unternehmen bereits Schritte, um sich den wachsenden Markt für den Verkauf von KI-Tools an Unternehmen zu sichern – und dabei potenziell klassische Berater zu umgehen. OpenAI hat ein Beratungs- und Dienstleistungsgeschäft gestartet, das mit 4 Milliarden US-Dollar an Private-Equity-Kapital unterlegt ist. Für traditionelle Beratungshäuser bedeutet dies eine Bedrohung von einer weiteren Seite.
Die etablierten Großen der Branche – allen voran die sogenannten Big Four (Deloitte, PwC, EY und KPMG) – verfügen jedoch über einen entscheidenden Vorteil: finanzielle Schlagkraft. Sie haben Milliarden von US-Dollar in KI investiert. Die größten Aufträge kommen von multinationalen Konzernen, die umfangreiche Anpassungen in komplexen, miteinander verflochtenen Bereichen benötigen – eine Aufgabe, die kleine Newcomer kaum stemmen können.
„Die Probleme sind komplex, sie sind selten Nischenthemen", sagt Sayeh Ghanbari, Leiterin der Beratungssparte von EY für Großbritannien und Irland. Die Branche habe bereits akzeptiert, dass Teile des traditionellen Geschäftsmodells verschwinden werden. „Bestimmte Aspekte der Arbeit werden verdrängt, entweder weil die Kunden sie selbst erledigen oder weil die Arbeit einfach nicht mehr relevant ist", so Ghanbari.
Talente halten – eine wachsende Herausforderung
Lesen Sie alles zur aktuellen Aktie der Stunde
Erfahren Sie, worum es geht und warum sich ein genauer Blick jetzt lohnt.
Zur AktienanalyseEin weiteres Problem für die großen Häuser ist die Mitarbeiterbindung. Top-Talente werden zunehmend von kleineren, agileren Wettbewerbern abgeworben, die mit flacheren Hierarchien und moderneren Arbeitsweisen punkten. Führungskräfte der Big Four schenken diesem Thema nach Branchenberichten große Aufmerksamkeit.
Dennoch sehen Branchenkenner auch Chancen im Wandel. „Wo bestimmte Dienstleistungen wegfallen, werden andere neu entstehen", betont Ghanbari von EY. Die großen Beratungsunternehmen hätten Zeit, sich anzupassen – vorausgesetzt, sie nutzen diese konsequent. Für die gesamte Branche gilt: Der Druck durch KI, neue Marktteilnehmer und veränderte Kundenbedürfnisse ist real und wächst weiter. Wie die Beratungshäuser darauf reagieren, wird über ihre Zukunft entscheiden.


